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Wer wir nicht sind und nicht unterstützen
Ein Film über Transgender
Venus Boyz
WochenZeitung WoZ, 28.02.2002
Gabriel Baur dokumentiert mit «Venus Boyz» die internationale Drag-King-Szene
Frauen sind bessere Männer
Lilian Räber
Männer, die sich als Frauen kleiden, sind allen ein Begriff. Aber Frauen, die als Männer auftreten? Der Schweizer Dokumentarfilm «Venus Boyz» inszeniert die bessere Männlichkeit.
Eine Drag-King-Performance ist die Offenbarung. Diese Frauen auf der Bühne sind als Männer besser, als es jeder Mann je sein könnte. Zum Beispiel Mildred Gerestant, die sich als Dréd durch die ganze Bandbreite schwarzer Popkultur mackert, Perücken aufsetzt und Brillen wechselt, Tanzstile nachahmt und Gesangseinlagen mimt. Am Ende legt sie einen Strip drauf und enthüllt einen gut gepackten Slip, mit dessen Inhalt sie verheissungsvoll schlenkert - das Publikum tobt -, bis sie sich schliesslich in den Schritt greift, einen Apfel daraus hervorzaubert und genüsslich reinbeisst. Oder wenn Diane Torr als Danny King den Männern im Publikum mit herrischer Stimme erklärt, wie sie sich Respekt erwerben können, dann geht auch den Frauen ein Licht auf. Die Verwirrung ist perfekt, wenn sich schliesslich Mo B. Dick, in ihrer Show angetan mit einem Baby Doll, Koteletten und Kinnbärtchen, selbst über ihr Geschlecht im Unklaren ist und nicht mehr weiss, ob sie ein Junge oder ein Mädchen ist.
Was ist Drag? Reiner Spott über die Männer oder auch Bewunderung? Eine Anmassung oder ein Spiel? Es ist alles zusammen und zudem ein Selbstentwurf, der über die Grenzen des eigenen Geschlechts hinausweist. Frauen werden Männer, aber immer auch mehr. Diese Frauen sind auch als Frauen ideal, gerade weil sie in der Schwebe bleiben, einen anderen oder eben keinen eindeutigen Geschlechtsstatus für sich in Anspruch nehmen. Gabriel Baur, die Regisseurin von «Venus Boyz», bezeichnet die Performerinnen, die sie in ihrem Film porträtiert hat, schlicht als «grossartige Persönlichkeiten».
An Männlichkeit herumspielen
Man kann sich bestens vorstellen, wie sich die hiesigen Fördergremien angesichts Gabriel Baurs anfänglicher Projekteingaben gewunden haben müssen. «Sie baten mich, den Film doch hier zu machen, dann hätte ich mehr Chancen auf eine Unterstützung gehabt», erzählt die Regisseurin der WoZ. Das hätte sie ja gerne getan. Sie hat ab 1996 nach Schweizer Drag Kings Ausschau gehalten. Aber eine Szene wollte hier einfach nicht entstehen, obwohl Diane Torr in Zürich mehrere Drag-King-Workshops abgehalten hat. In Berlin sah es 1997 nicht besser aus. Immerhin: Vier «Male Impersonators» - Frauen, die Männer verkörpern - traten damals dort auf, einer davon war Bridge Markland. In London gab es jene Szene rund um Della Grace, heute Del LaGrace Volcano, und Angela H. Scheirl, heute Hans A. Scheirl - KünstlerInnen, die ihr biologisches Geschlecht und dessen Transformation durch Medikamente genau reflektierten. In New York schliesslich gab es die Drag-King-Bewegung, frisch und knackig: Provokativ stellte sie einen Bürgermeisterkandidaten und feierte ihre Stars im Club Casanova.
Da hatte es die Schweizerin gepackt. Sie wollte die ganze Bandbreite vom anderen Umgang mit der «inneren Männlichkeit» ausmessen. Und sie wollte mit Mannweibern und Frauenkerlen arbeiten, wollte deren Beweggründe und Selbstdefinitionen verständlich machen, von Berlin über London bis nach New York. So kam es auf Geldsuche zu einer fünfjährigen Odyssee, die im Sommer 2001 mit der spektakulären Uraufführung von «Venus Boyz» am Filmfestival Locarno einen gelungenen Abschluss fand.
In den fünf Jahren dazwischen hat Gabriel Baur die Szenen bereist und die Shows dokumentiert. Sie hat Material gesammelt von Auftritten und Ausstellungen, und sie war an der New Yorker Nacht der Drag Kings im Sommer 2000. Dort versammelte sich alles, was an und mit Männlichkeit herumspielt. Durch den Abend führten Murray Hill, der Bürgermeister der Zukunft, und Mo B. Dick, Gründer des Club Casanova, der mit seiner Haartolle die Leningrad Cowboys um Längen in den Schatten stellt. Es wurde eine legendäre Nacht.
Eine Bier-Ejakulation
Eine Szene aus «Venus Boyz»: Der Taxifahrer kann sich nur eines vorstellen, als ihm Bridge Markland bei ihrer Ankunft in New York erzählt, dass sie Männer spielt: Ehemänner. «Nein», sagt Bridge daraufhin unbestimmt, «Ehemänner eigentlich nicht.» Später zieht sie sich für die Show ihren geliebten Nadelstreifenanzug an und lässt nach einem Blick in den Spiegel ihren Gefühlen freien Lauf: «And then I see... Und dann sehe ich ... I'm fucking hot... Ich bin verdammt heiss.» Im Gespräch stellt sie sich selbst in die Tradition des Theaters und Tanzes. «Deshalb bezeichne ich mich als Male Impersonator, während Drag Kings eher aus der Clubkultur kommen.» Bridge begann mit dem Verkörpern von Männern, nachdem sie Shelly Mars gesehen hatte - Shelly Mars, die machistisch-laszive Urmutter der Drag-King-Idee. Ihre Performance in Monika Treuts Undergroundfilm «Die Jungfrauenmaschine» (1984) hat die Massstäbe für Kings bestimmt: ein ekstatisch zuckender Unterleib bringt eine Bierflasche zur Ejakulation. In «Venus Boyz» steht sie mit hängenden Lidern und blonder Strähnenfrisur auf der Bühne und haucht angeturnt vom Publikum und anderen Drogen: «Hello, my name is Damien Corson. I'm an independent digital filmmaker. I'm making a film. I'm making an independent film.» Diese Frau hat vor über zwanzig Jahren für ihre Show noch Tomaten abgekriegt und gleichzeitig von San Francisco aus etwas ins Rollen gebracht, das erst viel später, Mitte der neunziger Jahre, zu einer Bewegung wurde.
Nachhilfe für Neobiologisten
Eine andere Performance-Künstlerin hat wesentlich zur Verbreitung beigetragen: Diane Torr. Mit ihren Drag-King-Workshops bringt sie den Frauen bei, was einen Mann ausmacht. Bei jedem Schritt den Boden unter der Sohle in Besitz nehmen. «Mehr Haltung», fordert sie von den Teilnehmerinnen und macht es vor - als Danny King, ein weisser Mittelstandstyp, der mit seinem stechenden Blick und plumpen Gang nach Ärger riecht. Diane Torr ist Mutter und Ehefrau, aber sie ist eben auch Danny King, und der wiederum ist erschreckend real. Torr im Film: «Wenn ich von dieser gewöhnlichen Frau, die eure Nachbarin sein könnte, zu diesem Mr. Macho werden kann, dann können das alle anderen auch. So viel zur geheiligten Männlichkeit.»
Drag ist nicht nur Dekonstruktion von Geschlecht, es ist auch der Beweis für dessen Konstruktion. Ein Danny King schickt alle Exhistoriker und Neobiologisten, Gengläubigen und Testosteronanhänger in die Ecke. Mag sein, dass diese Diskussion Mitte der neunziger Jahre nach dem Erscheinen von Judith Butlers «Gender Trouble» bereits geführt worden ist. Aber seither gab es einen journalistischen Backlash zu verzeichnen, in dem seriöse Redaktoren plötzlich sorg- und arglos mit so genannten harten Natur-Wissenschaften argumentieren, als ob sie die universelle Wahrheit beinhalteten. Deshalb noch einmal für jene, die es immer noch nicht begriffen haben: Geschlecht ist eine soziale Konstruktion. «Ich bin nicht mehr so aggressiv wie früher, seit ich Testosteron spritze», sagt Del LaGrace Volcano beispielsweise. «Jetzt muss ich nicht mehr um alles mit den Männern kämpfen. Sie geben es mir freiwillig.» Über Drag Queens kann man lachen, aber ein King ist jenen unangenehm, die ihre Rechte auf die heilige «Natur» zurückführen möchten. Das gilt, wie die Kings zeigen, gerade für Männer. Denn die fühlen sich bedroht, wenn ihnen etwas weggenommen wird.
Väter der Zukunft
«Jeder hat Arschlochqualitäten!», sagt Bridge Markland im Film. Und die lassen sich im King'schen Outfit bestens ausleben. Das macht gute Laune. Deshalb ist in den letzten Jahren bereits eine neue Generation nachgestossen, die vor allem in Clubs und an Partys auftritt. In New York sind das zum Beispiel die Backdoor Boys. Dréd berichtet: «Das sind Frauen Mitte zwanzig, die in der Clubkultur aufgewachsen sind.» Gabriel Baur ergänzt: «Sie legen absoluten Wert auf Perfektion. Im Unterschied zu den Vätern, die oft frisch von der Leber weg improvisierten, feilen sie an ihrer Choreografie und üben Lippensynchronizität für das Playback, bis es sitzt.» Bridge schliesslich: «In Berlin gibt es seit einem Jahr eine Gruppe, die sich Kings of Berlin nennt. Sie hat sich über eine Mailinglist kennen gelernt und übt ein- bis zweimal die Woche.» In England habe sich die Szene nach Brighton verlagert, und in den USA gebe es Ableger in Ohio, erzählen Gabriel Baur und die beiden Performerinnen. Sogar in Italien regt sich was.
Auf zahlreichen internationalen Festivals gefeiert, hat «Venus Boyz» die Szene selbst verändert: Er dokumentiert sie nicht nur, er ist ein narzisstischer Spiegel, er ist ein Kultfilm, der seinem Publikum erlaubt, sich selbst ins Drag zu wünschen.

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